Wochenbericht 44 – Das Ding mit der Scham

0
135
views

Woche 44
44 Wochen – 308 Tage
Start 4 April 2017 – 125,8 Kilo
Heute 6 Februar –  81,1 Kilo

Die Woche war ok, 1,1 Kilo sind weg und mehr geht irgendwie auch nicht mehr ohne großes Leiden. Zwischendrin gab es am Samstag beim shoppen einen Burger bei KFC und Pommes. Ich musste mir natürlich einen „Tower Burger bestellen mit Hash Brownies dazwischen (so ne Art Röstiecke) Ja im Nachhinein idiotisch weil man nicht wirklich was davon geschmeckt hat, die Kalorien waren also überflüssig. Well. Lerneinheit.
Ausserdem war ich Freitag beim Doc, zum erneuten Blutabnehmen meine letzten Blutwerte waren super bis auf mein Cholesterin, das erhöht ist.. allerdings auch mein gutes Cholesterin somit gleicht sich das etwas aus laut Ärztin. Sie war begeistert und lobte mich und sprach mir Mut zu beziehungsweise beruhigte mich, als ich etwas verzweifelt drein schaute und fragte was ich denn noch besser machen könne bezüglich Nahrung.
Wir warten nun erstmal ab und in 1-2 Tagen rufe ich für die aktuellen Werte an, dann wird sich zeigen ob das Cholesterin wieder gestiegen ist oder ob mein Körper grade nur nicht mit meinem abnehmen hinterherkommt und paar Kapriolen schlägt.

Das Wochenthema heute ist: Das Ding mit der Scham

Ich habe dazu ein Titelbild gewählt das mich vor gut 5 Jahren zeigt bei unser „vor auswandern“ Rundreise in Irland zeigt als wir in Doolin einen kleinen Abstecher zum golfen machten und uns alle Flecken und Ecken zum späteren Auswandern anschauen wollten.
Was dieses Bild mit Scham zu tun hat?
Ich schäme mich heute sehr dafür.
Nein, nicht für dieses Bild.
Aber dafür was ich aus ihm machte. Ich wollte ja unbedingt unsere Reise teilen auf Facebook und Co. Und zuhause angekommen sah ich mich auf dem Foto, es war wie immer unfassbar, das war ich doch nicht, ich war nicht so fett.. ich wog sicher nicht 130 Kilo. Das muss ein Irrtum sein, dazu kommend sicher auch eine schlechte Perspektive, schlechtes, Licht, unvorteilhafte Pose. Wie einige wissen bin ich Künstlerin und hantiere viel mit Photoshop also packte ich Photoshop aus und manipulierte das Bild so, wie ich dachte ich sehe wirklich aus.
Nein, kein Witz ich dachte ich mache mich nur „ein bißchen“ richtig.
Das Bild fiel mir vor einigen Tagen in die Hände und ich war fassungslos, wie konnte ich so verblendet gewesen sein? Wie konnte ich glauben, dass dieses Bild nur annähernd der Realität entsprach? Ein manipuliertes Bild auf dem ich eher aussehe wie heute mit 50 Kilo weniger.

Das oben wollte ich wohl sein und ich weiß bis heute nicht was da in mich gefahren war. Ich weiß nur sicher, dass ich fest davon überzeugt war, mein  vorher Bild nur minimalst angepasst zu haben zu meinem wirklichen Äußeren.

Was das mit Scham zu tun hat?
Ich glaube Scham treibt wundersame Blüten in uns. Wir wurden ja jahrelang angeklotzt, gemobbt, lächelnd beschwichtigt oder mitleidig ignoriert.
Alles wunderbar Scham fördernd.
Jedes Kilo zuviel setzte sich als Schampixel in unserem Hirn fest und ich bin denke, wie bei wirklichem physischen Leid, wenn der Körper abschaltet  und die Ohnmacht ruft wenn es zu arg wird, so ist es auch bei seelischem.
Wenn die Scham und Verzweiflung der innere Schmerz zu groß wird kommt die gestörte Selbstwahrnehmung. Nur selten geht dann noch der Vorhang auf und man sieht die Realität.
Scham überdeckt alles und dein Geist macht dich lebens-, und liebenswert in dem er dir, deinem innersten Ich, vorgaukelt: Alles nur „halb so schlimm“, alles nur „halb so dick“.

An diesem Punkt angekommen, glauben wir bzw glaubte ich das nur zu gerne und bereitwillig. Ich machte mir wirklich keine Gedanken ob das Realität ist oder nur verschrobene Selbstwahrnehmung.
Und immer wenn ein Foto von mir für den Bruchteil einer Sekunde diesen gnädigen Schleier durchbrach, wurde ich rot vor Scham und Schreck. Ich wollte dieses Bild dann instant negieren.  Ähnlich bei Spiegelbildern, Schaufensterscheiben und allem was mich abbildete. Weg damit, das bin ich nicht- so bin ich nicht – so fühle ich mich nicht.

Erstaunlicherweise geht es fast jedem stark Übergewichtigen mit dem ich spreche so.
Niemand fühlt sich wie er ist, für manche Selbstbetrug, für mich heute zurück betrachtet ein Selbstschutz.
Es war nicht nur zuviel Fett, es wäre zuviel zu akzeptieren gewesen zum damaligen Zeitpunkt. Nicht ertragbar und da automatisiert sich das ohne zutun.

Scham ist auch heute noch ein ständiger Begleiter.
Aber irgendwann war es soweit, war ich soweit, dass ich einfach den fakten ins Auge schauen musste, der Leidensdruck zu hoch wurde, der aus der körperlichen Welt.
Und da konnte dann dieser Selbstschutz aus der seelischen nicht mehr mithalten.
Da half nicht die wenigen „fetten “ Fotografien von mir im tiefsten Ordner auf der Festplatte versauern zu lassen, am Spiegel vorbeizusprinten.
Die Fassade ist zerbröckelt und genau da setzte dann endlich der Wandel an.

Dennoch, ich schäme mich für meine wabbligen faltigen Oberarme, für meine Hängebrüste, für alte Bilder und was ich meinem Körper angetan hatte, für meine Jahrzehnte lange nicht vorhandene Kraft etwas zu ändern.
Ich schäme mich gleichzeitig auch nicht mehr, für nichts.
Verwirrend gell, ich bin Stolz auf meine dünneren Arme, mein wenigeres Gewicht, das ich alte Bilder hinter mir gelassen habe.

Scham ist bei jedem Menschen anderer Ursache, etwas gutes ist Scham in den seltensten Fällen.
Scham ist doch einfach der anerzogene Spiegel dessen wie man sich nicht verhalten oder sein sollte.
Gesellschaft macht uns dazu beschämt für Äußerlichkeiten zu sein.
Hilft es den Menschen? Nein. Maximal zur Flucht in innere Welten.
Schamlos sein ist also erstrebenswert?
Ich denke ein Stück weit schon, es würde glaube ich viel schneller aus solchen übergewichtigen Situationen heraus helfen.
Nicht aus Scham sein Bild nicht zeigen können, nicht aus Scham sein Gewicht nicht nennen können, nicht aus Scham sagen zu können: Ich habe versagt und sich damit den Rattenschwanz ans Ausreden ersparen, sich und den Zuhörern.
Offen, „schamlos“ mit sich und damit umgehen, entsprechend Unterstützung erfahren weil man nichts mehr vorgaukeln würde, nicht mehr verheimlichen, wäre eine soviel bessere Alternative.

Das Ding mit der Scham sollte in die Vergangenheit.
Wir wissen wir haben versagt an einem Punkt unseres Lebens, wir wissen wir sind zu fett, haben uns schlecht behandelt, wir sind aber NICHT dafür zuständig aus Scham zu verheimlichen oder zu vertuschen wer oder was wir sind, damit andere uns in einem gesellschaftsfähigeren Licht sehen.

Schluss damit.

Eure Anja

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .