Wochenbericht 26 – Wie es ist dick zu sein

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Woche 26
26 Wochen – 182 Tage
Start 4 April – 125,8 Kilo
Heute 03 Oktober – 87,9 Kilo

182 Tage später habe ich ausgerechnet heute natürlich mein erstes Wochenplus. Nachdem der Samstag mich mit wunderbaren 86,8 belohnte, klammert sich jede Zelle seit 3 Tagen an jedes auffindbare Wassermolekül. Ich werde nie aufhören das zu hassen.
#isso
Ansonsten war es eine glückliche Woche in der ich endlich mal wieder schwarze Zahlen geschrieben habe.  Ausserdem habe ich mein Atelier/Büro vom Erdgeschoß in den ersten Stock verlegt und mich etwas verkleinert zu gunsten eines Fitnessraums, den ich noch anstreichen muß. Im Zuge dessen haben mein Mann und ich den Crosstrainer nach unten geschleppt zum Laufband… 130 Kilo und ich dachte danach nur: Was so Sargträger schleppen noch vor weniger Monaten an mir hätten schleppen müssen. (und immer noch) Jaja, sarkastisch ich weiß.

Mein heutiges Wochenthema ist eine Reminiszenz an das fett sein.
Wie es ist dick zu sein

Ich will es niemals vergessen, ich will mich immer erinnern und ich möchte mit diesem Wochenbericht auch denen die nicht schwergewichtig sind ein bisschen näher bringen, wie sehr lebensbestimmend starkes Übergewicht ist.
Ich kann sicher nicht auf jeden Aspekt eingehen aber es wird schon eine etwas längere Aufzählung.

160 Kilo Höchstgewicht zu wiegen oder auch noch die 125 Kilo mit denen ich dann im April startete ist nicht nur ein Schönheits-, und Gesundheitsmakel. Fett umgibt den Geist und die Seele genauso wie die Organe und die Gelenke.

Nehmen wir einen ganz normalen Tag von mir.
Ich bin morgens aufgestanden und hatte Rückenschmerzen, mein Schlaf meist eher nicht erholend oder nicht in dem Maße wie ich es gebraucht hätte.
Der Gang zur Toilette und auch das banale abwischen mit Toilettenpapier bei meinem riesigen Hinterteil nicht so einfach wie man denkt.
Ankleiden: Strümpfe anziehen im Stehen, war mit angezogenem Bein, einbeinig nicht möglich, ebenso wie eine Hose in den Händen halten und einsteigen.
Danke meiner Hypermobilität (die keineswegs so positiv ist wie es klingen mag) konnte ich mich wenigstens so tief nach vorne beugen, dass ich bodennah einsteigen konnte  und mich bekleiden.
Strümpfe bitte nur mit keinerlei Gummirand oder megaweit, ansonsten war ein frühes einschneiden in meine Fesseln der Preis für warme Füsse.
Waage oder wiegen nur gelegentlich und mit einem Stich in Herz und Auge.

Nach unten gehen am Geländer festhaltend, weil sich mein ganzer Körper auch 10 Minuten nach dem Aufstehen noch so steif anfühlte, dass ich Angst hatte zu stürzen.
Überhaupt die Vorstellung hinzufallen erzeugte bei mir große Angst.
Gehen auf rutschigen Untergründen, Schlamm, unebenen Wegen machte mich fertig.
Vor einigen Jahren stürzte ich mal beim Spaziergang an Klippen und knallte auf meinen Arsch. Natürlich war auch noch Besuch dabei und ich habe mich zu Tode geschämt wie ich fette Kuh mich dann erst auf alle Viere wälzen musste um aufzustehen, abgesehen von den Schmerzen die es bereitete als 130 Kilo ungebremst auf den Boden knallten.

Weiter im Tag, Frühstück zubereiten und auch da schon das erste Mal das Bewusstsein was kurz aufblitzt und dir sagt: Anja, muss du wirklich so dick Butter auf deine Brötchen machen. Verdrängung. Lieblingsbeschwichtigung: Nu is es eh egal.
Beim Weg in mein Büro am Spiegel vorbei, verquollenes Gesicht und schnell weiter gehen. 
Und so geht der Tag weiter mit der ständigen latenten Erinnerung an mein Körpergewicht, beim Knarzen des Bürostuhles, bei Gelenkschmerzen und bei der trägen Abgeschlafftheit.

Beim TV schauen, andere Frauen sehen die schwergewichtig sind und die immer wiederkehrende Nachfrage an meinen Mann: Bin ich so dick wie die? Hab ich so dicke Arme? Bauch? Beine? Sehe ich so alt aus?
Erleichterung wenn er spontan antwortete: Neiiin. Schock wenn er kurz zögern musste oder ein Kann ich so nicht sagen. Bis hin zur Wut: Du musst ! das doch sehn.

Alltägliche Kleinigkeiten, zermürbend aber nicht genug Leidensdruck schaffend sondern eher Resignation und Selbsthass.

Berichte lesen von Frauen die sich fett ganz toll fühlen und super schön und wohl und und… Mein absolutes Unverständnis, das bis heute anhält.

Dann der Alltag nach draußen gebracht.
Kinobesuch? Nein danke, in enge Sitzreihen quetschen oder gleich für mich alleine einen Loveseat kaufen? Keine Alternative.
Wenigstens bei meinen 2-3 mal „in die Luft gehen“  die Scheu überwinden und nach einer entspannenden Gurtverlängerung,  statt eingezurrt ohne Luft stundenlang zu fliegen, zu fragen. Diese wurde auch immer ohne jeglichen blöden Blick gereicht, allein, ich dachte der Pilot macht gleich die Durchsage dass ich grade danach gefragt habe.

Zu Wissen das andere Menschen in Kino, Flugzeug, Wartezimmer, Bus, Zug wo auch immer  beteten dass ich nicht ihr Sitznachbar bin.
Und ja, man sieht es ihnen an, wie sie pikiert starren oder alternativ: wegstarren.
Und ich ins Leere schauend oder betont cool meine Arme soweit wie möglich vor meinem Bauch verschränkt um mich schmaler zu machen.

Enge Durchgänge, Kontrollen, Passagen wo ich kaum durchpasste oder seitwärts gehen musste, nicht oft aber wenn-  beschämend.

Meinen Mann bitten: bückst du dich mal, kannst du das machen, kannst du das aufheben, ich kann mich so schwer xyz..

Klamotten einkaufen, modern und trendy angezogen sein wollen? Utopie. Oder unerschwinglich. Und wenn man auch noch im Laden nach erfolgreichem erstehen von Kleidung dachte wie toll das Hängerchen T-Shirt auf die Hose mit Gummizugbund aussieht, war das Geschichte sobald man in der Kleidung das nächste mal an einer Schaufensterscheibe vorbeigegangen ist. Alles was mir entgegen sprang war eine wirklich fette Frau, kein Hals, keine Kontur, Rund und mir so fremd.
Und wieder Verdrängung.

Fotografien waren das schlimmste Spiegelbild. Es war als kämen sie von einer anderen Welt, die, die ich 24/7 so erfolgreich verdrängt habe und die hin und wieder mit einem Anschlag meine Oberflächlichkeit durchdrang und alles wegsprengte.

Arztbesuche: auch wenn  ich wirklich liebenswerte Hausärzte hatte, die selten mein Gewicht ansprachen, so war die Tatsache das bei meinem alten Hausarzt keine passende Blutdruckmanschette für meinen Oberarm vorhanden war und er das beschwichtigend überspielte etwas das mich in eine Depression stürzte.
Danach nahm ich die ersten 40 Kilo ab.
Und dann wieder Stillstand.

Mit Besuch etwas unternehmen oder überhaupt aktiv sein mit Freunden, fast undenkbar wenn es über Kaffee trinken oder irgendwo „abhängen“ hinaus ging.
Schwimmen? Never ever. Spazieren, Wandern, Sport ? Nein, nein, nein.
Ich hatte schlicht nicht die Kondition, länger als einige Minuten durch die Gegend zu gehen und mein: Könnt ihr etwas langsamer gehen, war wie sich nackt ausziehen.

Besuche in Café oder Restaurants und sofort den Blick kreisen zu lassen ob es Bänke gibt oder nur enge Sesselchen die eine meiner Arschbacken hätten aufnehmen können aber sicher nicht beide.

Jahrmarktsbesuch? Wozu? Kein Karussell käme in Frage, zulässiges Gewicht überschritten. Aufzüge benutzen mit Schweißausbruch, völlig irreal aber dennoch Panik dass wenn noch jemand zusteigt das Ding sich verabschiedet.

Auch der weit entfernte Gedanke, dass man erkrankt und nicht mehr in der Lage ist zu gehen und transportiert werden muss kam hin und wieder durch Dokumentationen oder einfach normale Nachrichten auf. 
Vor Jahren sahen Kai und ich mal eine Biggest Loser Sendung des amerikanischen TV und wie die Kandidaten sich gegenseitig retten sollten bei einem Unfall. Also ein Stück weit wegziehen etc.
Wir testeten das… Nun ja, obwohl mein Mann nicht gerade schwach ist, war das Unterfangen mich einige Meter wegzuziehen ohne meine Mithilfe eher eine Lebensaufgabe als eine Lebensrettung.

Und ja auch der „Sarg“ Gedanke, hallo Sonderanfertigung.

Soviele, soviele Kleinigkeiten, wunde, reibende Oberschenkel, Ekzeme, Wassereinlagerung bis hin zu solch dicken Füßen das Schuhe tragen nicht mehr ging.
Sex? Fun Fun Fun… Nein.
Abgesehen davon das mir jegliche Vorstellungskraft fehlte, wie man mich nur noch annähernd begehrenswert empfinden könnte war es auch einfach eine eingeschränkte Sache resultierend aus der Körperlichkeit. Meinem Mann Glauben zu schenken, dass er mich liebt wie ich bin fiel mir zu diesem Zeitpunkt sehr sehr schwer.

Und dann sehe ich einen Bericht in dem eine 170 Kilo Frau nach Fat Acceptance schreit und das sie sich supertoll fühlt. Sie kann kaum laufen, sieht aus wie eine Karrikatur eines Menschen und wird gefragt was an sich sie toll findet und erwidert: ihre Finger, die seien so schön schmal…
Dann werden alle Normalgewichtigen gedisst, weil sie soviel zu dürr seien und oberflächlich.
Kein Einzelfall.

Doch mit dem Dicksein hört es nicht auf, denn wenn man wie ich dann entschlossen hat Gewicht zu verlieren um endlich endlich wieder mehr Lebensqualität zu bekommen ohne die ständigen seelischen und körperlichen Schmerzen, wird es nicht viel leichter.
Alleine der Einkauf eines Fitnessgerätes wie Laufband oder Crosstrainer wird zur Herausforderung, denn die meisten herkömmlichen Geräte sind bis 100-110 Kilo Höchstgewicht zugelassen.
Fitnessstudio Selbstbewusstsein nicht vorhanden also blieb die Alternative wirklich viel Geld auszugeben oder die ersten Kilos ohne zu schaffen.
Sportbekleidung in großen Größen ist auch nicht das einfachste insbesondere wenn es an Sport BH’s geht und wer einmal ein paar Kilo Brust durch die Gegend hüpfen gelassen hat weiß was Schmerzen sind, gleiches gilt für Schwabbelbauch und Po.

Eine Waage kaufen ist kein Problem, die meisten gehen schon bis in hohe Kilozahlbereiche ABER je schwerer umso höher die Abweichung bei jedem Wiegevorgang. Das habe ich erfolgreich an 3 komplett unterschiedlichen Waagen getestet und meinen Mann als „Gegenpart“ zum Check auch gebeten sich zu wiegen.
Zeigte eine Waage bei mir 120 Kilo an, zeigte eine andere Waage 125 an, die nächste 128. Bei ihm schwankten die Waagen maximal im hundert Gramm Bereich.
Und das passierte auch bei dem mehrfachen Wiegevorgang auf ein und der selben Waage. Sein Gewicht blieb stabil meines schwankte sich munter auf und ab. Also gleich mal die erste Entscheidung morgens, nehme ich heute das tiefst angezeigte oder höchst angezeigte…
Und dann fängst du an abzunehmen und stehst vor 60-70-80 Kilo Bergen die weg müssen und die Tatsache erstickte bei mir direkt wieder 80% meiner Motivation im Keim weil es mir unvorstellbar viel vorkam.

Und dann kam der Tag an dem ich endlich wirklich anfing und nicht aufhörte.

Ich weiß ich habe hunderte Beispiele vergessen, aber es ging mir auch mehr um die Beschreibung des Gefühls wie es ist Dick zu sein, die Allgegenwärtigkeit des Übergewichtes wie ich es empfand und wie wenig das Körpergewicht im Vergleich einen normalgewichtigen, gesunden Menschen mitnimmt und zusetzt.

Ich will nie nie mehr zurück. Fett sein ist für mich nichts was ich akzeptiert wissen will. Es ist ok mich anzustarren wenn ich 160 Kilo wiege und es ist ok das es keine Kleidung gibt für mich in dieser Größe. Ich will nicht, dass es mir leicht gemacht wird fett zu sein. Ich will keine Fat Acceptance für mich, ich will diesen Druck haben das es einfach NICHT gesund ist und auch nicht normal so übergewichtig zu sein. Nicht wegen eines Schönheitsideales sondern wegen meines Körpers der nicht dazu aus-, und angelegt ist 100 Kilo Fett herumzutragen. Und ja, schön finde ich es auch nicht. Nicht weil es mir so anerzogen ist durch die Industrie und Gesellschaft sondern weil es meinem persönlichen ästhetischen Bild von Form und Figur nicht entspricht, dass ganz klar in allen Bereichen von Design und Mode eine deutlich, zartere und klarere Linienführung bevorzugt.
Wie immer spiegelt dieser Bericht nur meine ganz persönliche Erfahrung, Meinung, Geschmack. Ich kann wunderbar damit leben, dass viele Menschen anders ticken als ich diesbezüglich, das ändert allerdings nichts daran, dass ich mit mir leben und lieben können muss und damit habe ich endlich begonnen.

Ich habe endlich aufgehört jeden Tag ein Stück mehr zu sterben.

Eure Anja

2 KOMMENTARE

  1. Danke für diesen Erfahrungsbericht! Seit geraumer Zeit lasse ich mich essenstechnisch total hängen. Nichts motiviert mich, immer wieder denke ich: „ist doch egal“. Dank deinem Blogeintrag ist mit wieder klar geworden es ist nicht egal. Ich mache super gerne Sport und Yoga. Das will ich nicht zugunsten Fressorgien aufgeben, die mich unglücklich machen. Ich will meine Eigenständigkeit und Uneingeschränktheit (wie du schriebst mit Sachen aufheben, Sitzen ect.) Nicht für die Fettmassen aufgeben.
    Danke für deinen erfrischend offenen und ehrlichen Beitrag über das Fettsein und für das Aufwecken.

    Liebe Grüße

    • Danke für deinen Kommentar Anja und ich freue mich wenn er etwas angeregt hat! Sehr.
      Ich wünsch dir ganz doll Erfolg und die nötige Kraft wieder in den für dich richtigen und lebenswerten Rhythmus zu kommen<3
      Halt mich doch auf dem laufenden und hab einen schönen Rest Feiertag
      anja

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