Wochenbericht 12 – Das Ding mit der Angst

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Wochenbericht 12
12 Wochen – 84 Tage
Start 4 April – 125,8 Kilo
Heute 27 Juni – 103,7 Kilo

Erstaunlicher Weise sind  in der Woche hier 1,4 Kilo gefallen trotz „Hochwasser“Tagen.
Ich komme mir momentan sehr langsam in allem vor. Es kostet mich dieser Tage einiges an Überwindung täglich Sport zu machen. Ja ich weiß ich könnte auch einfach mal eine Pause einlegen, aber ich will so so unbedingt unter die 100. Dann werde ich eh einen neuen Tagesplan und Budget aufstellen. Bis dahin, Zähne zusammen und durch.
12 Wochen nun schon. Ich hätte es nie nie nie geglaubt wenn ich ehrlich bin, als ich  anfing, das ich solange durchhalte, doch nach ganz kurzer Zeit wurde mir klar: Läuft.
Und noch kürzere Zeit später auch, das wars: Das geht diesmal durch bis… immer.
Es fühlt sich restlos richtig an. Alles. Bis auf meine (täglich grüßt das Murmeltier) Kniebeschwerden, dass wirklich rumzickt weil ich es überlaste und dennoch werde ich bis zur heiligen Zweistelligkeit keine Rücksicht auf mein Gejammer nehmen. Laufband ist weitestgehendst gestrichen, dafür quäle ich mich auf dem Crosstrainer ab und bin somit auch wieder kniefreundlicher unterwegs.

Wochenthema: Verstecken, das Ding mit der Angst

Und dann machte ich ein Selfie, sah es und hätte heulen können, dann hob ich den Arm und machte noch eines. Besser! aber noch nicht gut genug. Dann wurde der Arm noch weiter ausgefahren und ein Blick in die helle Lampe/Sonne/Licht und ja da war es. Genauso sehe ich doch aus.
So oder so ähnlich lief das ab, wenn ich ein Bild von mir gemacht habe.
Wollte ich richtig mit dem Stativ und Kamera arbeiten musste danach definitiv eine ganze Menge Photoshop ran. Fältchen weg, verquollene Augen,  und hier und da selbst im Gesicht ein paar viele Gramm weniger. Alternativ wurden Bilder von Anno Dazumal herausgesucht, die noch genau soviel mit mir zu tun hatten wie Kleidergröße 38.
Ganz tief innen drin wusste ich das ich mich selbst verarsche, abgesehen von den anderen Betrachtern, aber egal, anders ging ja nicht.

Genauso wenig gingen Ganzkörperfotos!
Hass, Panik, Flucht.
Sobald jemand nur in der Nähe eine Kamera zückte, sah man von mir nur noch eine Staubwolke oder übelste Androhungen. Heute wäre es noch immer nicht so gerne von mir gesehen, weil ich zusätzlich zu meiner Gewichtsscham auch nicht gerne die Kontrolle über das was die Welt sehen darf und was nicht, verliere, allerdings sehr viel entspannter.
Damals war es allerdings nur der Fakt meines Fettes. Idiotischer Weise, denn wollen wir mal ehrlich sein, der Typ mit der Kamera hat mich doch längst schon gesehen, ebenso wie alle anderen Anwesenden. Vor wem zum Henker verstecke ich mich? Vor mir unbekannten Facebook Usern die zwar meine Social Media Friends sind aber die ich ansonsten kaum kenne? Wieso war es mir wichtig mich vor ihnen so zu verstellen bzw. nicht zu zeigen?
Angst. Schlicht Angst vor der nackten Wahrheit. Das jeder eventuell mein viel zu hohes Gewicht auch auf anderes negativ überträgt. Das ich dadurch weniger geschätzt werde, dass man mich verabscheut und und und. Denn auch mich als selbstbewusster Frau, der eigentlich Meinungen Außenstehender in der Regel am Allerwertesten vorbei gehen, schreckte der Gedanke das ich verurteilt werden würde und definiert würde über mein Übergewicht.
Auf der anderen Seite sah die Künstlerin in mir auch häufig mit Faszination und auch Begeisterung, Abbildungen von stark Übergewichtigen die ehrlich und offen waren, nicht diese Pseudo – Bilitis- Tüchlein Kacke drapiert um 150+ Kilo Frauen.
Wo war meine Eigenliebe? Ich hätte mich ja nicht mega unvorteilhaft zeigen müssen aber zu mir stehen hätte ich können. Jetzt weiß ich wie gut sich das anfühlt und nicht erst seit 20 Kilo weg sind.
Nein, der Moment als ich mich öffnete mit Gewicht und mit Bild. Dieser Moment war so unglaublich befreiend. Kein ausweichen mehr, kein verstecken, kein drumrum reden.
Endlich losgelassen. Meine ganzen Ängst weggeworfen: Hier Zuschauer friss oder stirb.
Auch heute gibt es noch Daily Selfies wo ich ganz arg an mir halten muss nicht zu Photoshop zu greifen, oder wo ich nochmal aufstehe und noch eines mache weil es wirklich richtig übel aussah. Allerdings ist das Welten von meiner Panik die ich früher hatte entfernt. Ich glaube ich bin bisschen verliebt in mich.
Wie sieht es mir dir aus? Bist du auch so Jemand der lieber hinter einem Avatar Bild verstecken spielt, weil er Angst hat was die Betrachter denken?
Hinter der so gerne genommenen Ausrede: Ich möchte nicht, dass es Bilder von mir im Netz gibt (Sehr beliebt vor allem bei uns Fetten), da wird dann lieber der Hund, das Auto, die Katze, der Garten oder so gezeigt.

Ein weiteres tolles Versteck Thema: Gewichtsangabe.
Jemand schreibt dir:
Oh man, das Wochenende war echt übelst ich muss aufpassen, ich hab bestimmt ’nen Kilo mehr nun. Hach ich muss dringend 1-2 Kilo abnehmen. Ich war heute shoppen, *heul* ich hab nicht mehr in die 36 gepasst ich brauch 38.
Und ich denke nur: Bitch please…
Wirklich, ich nehme auch Schlanke ernst die mit nur wenig Kilos zu kämpfen haben, das eigene Leid ist einem immer am nächsten. Wer sich mit 59 statt 57 Kilo unwohl fühlt dem werde ich das sicher nicht absprechen, dennoch besteht der klitzekleine Unterschied in cirka 100 Kilo Problemdifferenz.
Ich glaube mit nichts wird so häufig geschummelt, gelogen, verheimlicht oder geschönt wie mit dem Gewicht. Von Schlanken, Dürren, Fetten, Jungen, Alten.
Bei mir dicker Frau war es  Angst und Scham.
Ich habe nicht geschummelt, nö, ich habe es wenigen, ganz wenigen Menschen sagen können, wenn es mal gepasst hat. Aber so gut wie immer habe ich es einfach nicht gesagt:
Schluß! Darüber spreche ich nicht.
Das geht dich nichts an. Warum sollte ich dir das sagen? Was hast du davon es zu wissen? Mein Gewicht spielt doch keine Rolle. Niemandem sage ich das! Ich habe keine Waage (ha ha).
Standardantworten auf die meist harmlose Frage. Negierung. Panik.

Ich habe es gehasst mich zu beziffern. Es war sozusagen der offensichtliche Beweis wie undiszipliniert ich war. Peinlichkeit und ja, wieder Angst.
Auch dabei hat mir mein Outing geholfen.
Hey Leute, ich wiege 125,8 Kilo, ich hatte schon 160 Kilo. Es ist wie es ist, ich finde es nicht toll aber ich will es ändern. 4. April 2017
Meilenstein für mich und Energieschub.

Ich hatte das Gefühl eine Zentnerlast des Verbergen und Geheimhalten fällt ab von mir.
Ich konnte nun offen endlich alles beziffern. Wieviel weg soll, muss oder bereits ist.
Mir nahe und weniger nahestehende Personen die keine Ahnung hatten wussten auf einmal: Das ist Anja, die ist fett, die wiegt xxx Kilo und sieht so und so aus.
Meine Angst war in Luft aufgelöst und ich fühlte und fühle, dass selbst Anfeindungen mich mittlerweile nicht nur oberflächlich sondern tief drinnen einfach kalt lassen.
Weil ich mich gefunden habe.
Ich habe mich wiedergefunden in diesem Berg aus Fettängsten.
Der positive Nebeneffekt, des Gewicht bei Nachfrage offen sagen, ist das man Änderungen natürlich auch nun viel besser preisgeben kann und darum geht es ja, um den Gewichtsverlust.

Immer noch begegnen mir ganz viele Frauen und auch Männer die in Abnehmgruppen, privat oder im Netz schreiben oder sagen: Mein Gewicht sage ich nicht!

Wenn du nicht sagen kannst was du wiegst, dann wirst du auch Probleme haben das „Unausgesprochene“ zu verlieren, weil dein Gewicht ein Teil von dir ist und das negieren davon, die Ängste die man sich aufbaut sind einfach eine Blockade auf dem Weg es zu verlieren.
Liebe dich und erkenne dich und zeige dich, wie du bist und du wirst erstaunt sein wie entspannt Menschen auf dich zugehen. Wie gut es tut, wie erleichternd es ist diesen Angstballast abzuwerfen und Platz zu schaffen für ein neues geliebtes Ich.

Eure Anja

 

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