Gespräch mit Remo

3
436
views

Remo wird mein erster Gesprächspartner sein in dieser Kategorie von wenigeristmehr.fit.
Ich habe wirklich viele, motivierende Menschen seit ich abnehme kennengelernt und auch einige von einer anderen mir bisher verschlossenen Seite.
Remo traf ich virtuell in einer „Abnehmgruppe“ und er war mir gleich sympathisch mit seiner positiven Art auf Menschen zu zugehen und über sich selbst zu berichten.
Mittlerweile sind wir auch Facebook befreundet und ich bin froh ihn kennengelernt zuhaben.

Hallo Remo,
als erstes möchte ich mich bei dir bedanken, dass du bereit bist zu einem kleinen Gespräch unter fast 4 Augen 🙂
Ich empfinde grade bei diesem Thema, was uns neben anderen verbindet, es nicht für selbstverständlich sich ein Stück weit der anonymen und weniger anonymen Masse des WorldWideWeb zu öffnen.
Würdest du dich an dieser Stelle einmal kurz vorstellen?

Mein Name ist Remo, ich bin aus dem Kanton Graubünden in der Schweiz. Seit 15 Jahren habe ich ein Musikgeschäft, bin gelernter Blasinstrumentenreparateur und Bauer.
Später habe ich noch Jazz Trompete studiert und heute lebe ich von meinem Musikgeschäft, unterrichte an der lokalen Musikschule und dirigiere noch 2 Brass Bands.

Ich bin 40 Jahre alt und wiege momentan  bei einer Größe von 186 cm noch 159 kg. Mein Startgewicht war am 21.5.2017 176 kg und mein höchstes Gewicht überhaupt waren  180kg!  Nun arbeite ich auf mein Ziel 84 Kilo zu erreichen hin !

 

Wie kam es dazu, dass du so zugelegt hast?
Ein typischer Fall von: „Schon immer zu dick“ oder durch einen bestimmten Auslöser der dazu führte?

Schon als Kind habe ich mir einen kleinen Komplex aufgebaut das ich zu dick sei. Obwohl, wenn ich rückblickend schaue, war ich sowas von normal gewichtig!
Aber die meisten Klassenkameraden waren richtig dünn.
Dazu kam, dass ich zuerst in der Stadt groß wurde und erst später in das Bergdorf, in dem ich immer noch wohne und deren Dorfmusik (Brass Band) dirigiere, umzogen bin. Somit war ich der Fremde…
Diese dünnen Kinder schafften es aber mir einzureden, das ich dick sei.
Als ich dann in die Sekundarschule (Deutschland Hauptschule) wechselte wurde es langsam besser aber ich dachte immer noch ich sei dick, obwohl ich mich eigentlich immer noch im Normalgewicht befand.
Erst mit 20 Jahren, als ich zur Lehrzeit in das Unterland zog, nahm ich stetig zu. Damals weil ich mich vom Bäcker, McDonalds und Co.  und vor allem, mich von schlechten Kohlenhydraten ernährte.
Gemüse, was ist das? Es kam schleichend, über mehrere Jahre hinweg hatte ich dann bis 140 kg zusammen.Mal wieder weniger, mal wieder mehr, ich habe keine Ahnung mehr wieviele Diäten ich hinter mir habe, auf jedem Fall: SEHR VIELE!!
Irgendwann, als ich so um die 32 Jahre alt war, habe ich radikal abgenommen, eigentlich im selben Tempo wie jetzt, nur ungesunder, von 150 auf 100 kg in 6 Monate und ich fühlte mich wie neu geboren!
Ich fuhr fast jeden Tag Fahrrad, hatte fast nur noch Gemüse gegessen und dadurch viel zu wenig Proteine. Ich bin so einer von der extremeren Sorte, wenn ich mir was in den Kopf setze, da gibt es kein rechts und links, null Kompromisse. Es war echt hart aber ich hatte es geschafft! Dachte ich.
Leider nicht ganz geschafft! Ich brach mir die Nase. Ok, davon nimmt man noch nicht wieder zu, jedoch sollte sie später eine große Rolle spielen. Ich aß wieder vermehrt, zwar gesünder aber zu viele Kohlenhydrate.
Die Folge war das ich wieder zunahm. Ich fühlte mich immer schlapper, konnte mich schlechter konzentrieren, war müde, müde und nochmals müde. Über die Jahre, wo ich noch mein Jazz Studium abschloss, nahm ich extrem stark zu. War schließlich mehrere male beim Arzt. Da ich mich eigentlich gesund ernährte und auch mengenmäßig nicht extrem übertrieb ( immer noch zuviel ), war ich auf die Ergebnisse gespannt: Nichts… alle Werte normal… ich müsse mich halt richtig ernähren… Klar, ich aß vor allem Brot.
Mein persönlicher Feind… Ich liebe Brot, liebte Brot! Meist Brot mit Butter und Fleisch oder Konfitüre, das war immer vorhanden. Dennoch, jede Nacht wurde es schlimmer, kaum schlief ich ein erwachte ich in einer Panik und war durcheinander, ich drehte fast durch vor Panik und lief wie neben mir den Gang rauf und runter um wieder zu Sinnen zu kommen, eine halbe Stunde Darts werfen wie in Trance bis ich wieder einigermaßen normal war. Dann wieder ins Bett und wieder von vorne.
So war es am Schluss. Immer wieder. Im Geschäft schaute ich zum teil stundenlang auf den Monitor und wusste nicht was ich gerade machen wollte, wie benebelt. Daneben funktionierte ich irgendwie als Musiklehrer und Dirigent ohne das die Leute es  großartig merkten (noch), ich brachte einigermaßen meine Leistung, war aber sehr schnell gereizt und musste mich echt beherrschen. Ich wusste ich muss etwas unternehmen, mein Schicksal in die Hand nehmen! So konnte das nicht mehr weitergehen.

Das ich stark schnarche wusste ich schon, hatte auch früher einen Test im Schlaflabor weil ich eine Schlafapnoe vermutete. Es kam aber nichts gravierendes dabei raus, deswegen schloss man / ich das auch später automatisch aus. Was fatal war. Mir sagten alle Ärzte nur: „Sie müssen einen Magenbypass machen lassen, nur so können sie abnehmen!“ Nach gründlicher Recherche im Netz konnte ich mich immer noch nicht dafür begeistern. Einen Rieseneingriff in meinem Körper, für was?
Ein so großes Risiko und ein Leben lang Medikamente, es gab Menschen die danach ständig Durchfall hatten, Entzündungen, ach was weiß ich noch alles. Mir wurde übel schon nur beim lesen:  Nur ein paar Schluck Wasser ein paar mal am Tag trinken können, nur negatives las ich, aus dem einzigen Grund damit weniger Essen reingeht ?!?!?!?! Nein, das werde ich mir nicht antun. Weniger essen kann ich auch ohne eine OP!
Aber diesmal wurde mir von einer Ernährungsberaterin sagte ich soll ja nicht zu wenig essen. Es sei wichtig langsam und kontinuierlich abzunehmen! Ausgewogen und, und und…
Also entschied ich mich doch noch diese ganzen Tests für eine Magenbypass OP über mich ergehen zu lassen. Allerdings nur weil ich genau wusste, dass sie mich dann endlich mal gründlich checken! Ich hatte immer noch nicht vor mich operieren zu lassen.

Als ich die Tests gemacht hatte, musste ich irgendwann mal zum Gespräch mit dem OP Arzt. Der machte mir nochmals klar, das ich keine Chance hätte alleine abzunehmen, das ginge bei dem Gewicht nur operativ. Als ich ihm meine Frage stellte: „Ja aber was ist anders, wenn ich von mir aus nur so wenig esse und sie mir diese Supplements geben? Das kommt ja aufs gleiche raus? Oder?“ Da meinte er nur kurz und trocken:“Das schaffen sie nie!“
Ich dachte nur, Arschloch, wünschte einen schönen Tag und ging.
Dabei Fragte ich mich die ganze Zeit, wieso kann man nach einer OP nur extrem wenig essen und das soll ok sein? Dabei sagt die Ernährungsberaterin nur langsam abnehmen ist gut? Was soll die Scheiße?!?!

Ich musste dann im Verlauf der Abklärungen zu einer neuen Ernährungsberaterin. Sie war richtig nett und fragte, nachdem ich ihr meine Lebensgeschichte erzählt hatte, ob ich dann nicht nochmals einen Test im Schlaflabor machen möchte. Sie würde das in die Wege leiten. Ich stimmte sofort zu und siehe da. Nach der Nacht im Schlaflabor kam die Ärztin zu mir und ich dachte  – Die Nacht war nicht mal so schlecht, da sind die Ergebnisse wohl wieder nichtssagend – und meinte:“Sie haben eine schwere Schlafapnoe!“
Eigentlich eine richtig schlechte Nachricht  aber ich freute mich, endlich wusste ich was mit mir los ist. Ich hatte 50 Atemaussetzer jeweils zwischen 30 Sekunden und 3 Minuten in denen ich nicht atmete. Dies, so wurde mir gesagt, sei ein Riesenstress für meinen Körper. Die 8 Stunden, die ich mehr oder weniger schlief entsprachen etwa 2,5 bis 3 Stunden Schlaf bei einem normalen Menschen. Kein Wunder das mein Körper die ganze Zeit in Alarmzustand war. Ich hatte immer Untertemperatur um 34.5-35 Grad. Das ich nicht einschlief hatte wohl mit meiner Willensstärke zu tun, da ich Unmengen von Adrenalin ausschüttete bis ich wohl eines Tages einen Herzanschlag bekommen hätte. Vorbei, endlich.
Ich bekam eine Sauerstoffmaske für die Nacht und war wie neu geboren!
Sofort fing ich ohne große Ernährungsänderung an abzunehmen. A)  weil mein Körper sich wieder erholte und B) weil ich mich automatisch mehr bewegte.
Es ging bergauf 🙂 Es kam die Nasen OP, Nasenscheidewand richten, die Polypen kürzen und entfernen und ein schlecht zusammen gewachsenen Knochen richten dazu. Anschließend nochmal ein paar Wochen leiden und ich konnte endlich wieder richtig Atmen. Erst dann merkte ich wie schlecht ich vorher durch die Nase Luft bekam.
Ich hatte mich einfach schleichend daran gewöhnt ebenso wie beim Gewicht zulegen.
Letztendlich bin ich über meine neue Bibel: Fettlogik überwinden, gestolpert. Ich habe dieses Buch verschlungen und bin der Autorin Nadja Hermann, so dankbar!
Es sind so viele Vorurteile mit denen in diesem Buch aufgeräumt wird. Eine wahre Freude! Jetzt, seitdem ich wieder abgenommen habe, brauche ich nicht mal mehr die Maske. Ich hab mir ein E-Bike zugelegt das mein Gewicht aushält und bin wieder täglich unterwegs und sehe wieder positiv in die Zukunft. Freude am Leben ist endlich wieder allgegenwärtig!

Natürlich möchten alle wissen: Wie nimmst du ab, was machst du um die lästigen Fettzellen zu leeren und in Luft aufzulösen?

Eigentlich extrem einfach! Ich nehme sehr wenig Kohlenhydrate zu mir und diese müssen wertvoll sein. Protein ist wichtig damit meine Muskeln nicht „abnehmen“.  Anfangs nahm ich 1 Gramm pro Kg Normalgewicht, also 86 x 1 gr= 86 Gramm. Jetzt, da ich viel Sport treibe zwischen 1.5 – 2 Gramm also zwischen 129 und 172 Gramm Protein zu mir. Ich decke den Bedarf in Fleischform, sowie Quark, Käse, Thunfisch usw. ab.
Wenn es mal knapp ist und ich Kalorien sparen will auch mal ein Whey Protein Shake. Viel Gemüse, Salate und (fast) kein Brot. Wenn schon, dann Vollkorn oder Proteinbrot. Anja hat ja auch ein paar ganz tolle Rezepte! Sie hat mich schon oft inspiriert.
Gesamt nehme ich ca. 1000-1300 Kcal am Tag zu mir und supplementiere mit Vitaminen A-Z, Magnesium und Eisen.
Also ein Tag sieht bei mir ungefähr so aus:
Frühstück: null (bin eh nicht der Typ)
Mittags: Ein viertel Teller  voll Kohlenhydrate, viertel Teller mit Proteinhaltigem und die restliche Hälfte mit Gemüse
Abends: Salate, Käse oder Quark oder Hüttenkäse.
Natürlich auch andere Sachen, aber ungefähr so. Ich hab am Anfang jede Kalorie gezählt und so weiß ich genau wo sie versteckt sind. Also schaut am Anfang wirklich auf jede, ja jede Kalorie. Alles was durch meinen Mund geht wurde zuerst kalkuliert! Mit der Zeit weiß man was ungefähr wieviel hat und ich muss somit nicht mehr jedes bisschen berechnen, aber da muss jeder seinen eigenen Weg finden. Bei neuen Sachen ist wieder zählen angesagt 🙂

Viele Berufstätige klagen über mangelnde Zeit zum Abnehmen oder für Fitness, wie gestaltest du deinen Tagesablauf nun neu?
Verlangt der neue Lebensstil dir mehr Organisation ab oder kannst du das gut in deinen normalen Tagesablauf integrieren?

Das ist überhaupt kein Problem! Die Frage ist, willst du abnehmen? Wenn ja, ändere deine Gewohnheiten!

Wie sieht es bei einem Mann mit „Scham“ wegen des Dick sein aus? Oder ist das eher ein Frauen typisches Problem?

Oh nein, dass ist definitiv auch bei mir der Fall. Aber seitdem ich wieder auf dem Weg bin, können mich die notorischen Nörgler, Besserwisser und hinter der Hand tuschelnden Leute, im wahrsten Sinne des Wortes kreuzweise!
Aber zum Glück sind ja nicht alle Menschen so.

Und was sagt dein Umfeld, Freunde, Kollegen, Familie?
Erfährst du Unterstützung oder wirst du auch mit Vorurteilen belegt, von wegen JoJo Effekten und  ähnlichem?
Wenn ja, wie gehst du damit um?

Zuhause gibt es nur positive Unterstützung! Auch bei meinen Freunden. Klar kommt jeder mit seinen Halbwahrheit, aber sie meinen es eigentlich nur gut, aber eben…
Danke nochmals an Fettlogik überwinden 🙂

Als Mann deiner Gewichtsklasse ist es sicher auch nicht sehr einfach sich allen möglichen Sport und Fitnessübungen auszusetzen.
Wie sieht dein Plan aus, welche Bewegung / Sport steht bei dir auf der Tages bzw Wochen Agenda und hast du schon Pläne wie das sich in Zukunft gestalten wird?

Momentan fahre ich auf meinem E-Bike oder Hometrainer fast jeden Tag eine Stunde lang. Anfangs nur 20 min. und das habe ich dann nach und nach gesteigert.
Alle 2-3 Tage mache ich etwas Krafttraining. Außerdem habe ich auch noch eine Powerplate die ich regelmäßig nutze.
Langfristig möchte ich die Gipfel wieder besteigen können und wieder auf einem normalen Bike einen Marathon fahren können! Ins Schwimmbad ohne mich zu schämen. Im Winter steht dann Langlauf auf meinem Programm, deswegen müssen jetzt zügig die Kilos purzeln 😉

 

Und zu guter Letzt: Was würdest du den Menschen da draußen, die auf dem selben Weg sind oder gerne kommen möchten, als Motivation oder Rat mitgeben?

Sieh es nicht als ein muss an! Du musstest (so wie ich auch ;-)) nicht zunehmen. Das ging ganz von alleine. Eine Routine, ein Automatismus. Jetzt müssen wir es nur umgekehrt machen!
Am Anfang gnadenlos jedes Produkt unter die Lupe nehmen, dein Kalorien-Mikroskop heraus nehmen, richtige Menge an Proteinen, gut Gemüse und Vitamine Check. Die guten Sachen merken und abspeichern, eine Routine aufbauen und es flutscht.
Mach dir keinen Kopf! Es wird alles Gut! Wir haben es selbst in der Hand!
Bleib positiv in jeder Situation. Erst recht, wenn du meinst, dass es dir richtig Scheiße geht. Wir sind unseres Glückes Schmied. Wir müssen wieder lernen uns selber mehr zu akzeptieren, noch besser, zu lieben. Sieh dies bitte nicht als Belehrung, ich habe selbst noch einen sehr, sehr langen Weg vor mir.  Mittlerweile habe ich mir schon ein paar gute Gewohnheiten antrainiert und mag mich, so wie ich bin und werde.
In diesem Sinne ganz liebe und nur die besten Wünsche weiterhin.
Wir schaffen das!!!

 

Lieben Dank Remo, für deine Zeit, dein Vertrauen und deine Offenheit <3



3 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .