Wochenbericht 10 – Kindheit und Prägung

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Wochenbericht 10
10 Wochen – 70 Tage
Start 4 April – 125,8 kilo
Heute 13 Juni – 106,4 kilo

19,4 Kilo sind Geschichte, eine die ich mir fast jeden Tag erzähle um mich zu erinnern was ich bisher geschafft habe.
19,4 Kilo sind 19400 Gramm sind 77 Päckchen Butter oder 19 Tüten Milch oder 194 Tafeln Schokolade.
Klar habe ich mir gewünscht zu meinem 10 Wochenbericht minus 20 Kilo schreiben zu können doch mittlerweile kann ich mit so Minimini-Kopf-Erwartungs-Rückschlägen leben.
Heute werde ich über meine Kindheits – Prägungen schreiben.

Schon von klein auf haben Menschen es bei mir geschafft ihre Wahrnehmung auf mich zu projizieren. Wahrscheinlich geht es den meisten Leute so.
Es fing denke ich bei meiner Mutter an, die selbst mit ihrem Gewicht immer zu kämpfen hatte und die von der Angst getrieben war ihre Tochter könne auch übergewichtig werden.
Sei es aus Liebe, um mir ihr ewiges Figurleid zu ersparen, oder wegen ihres Schönheitsideal, Tatsache ist, schon in ganz jungen Jahren mit Fünf, Sechs erinnere ich mich auf Fotos zurückblickend auch an Kommentare aus dem Verwandten und Bekanntenkreis:
„Du willst doch nicht so dick werden wie x /y!“, „Na was für süße Pausbäckchen“, „ach da ist ja noch Babyspeck“ und und…
Und ebenso früh begann meine Mutter mich zu „ernährungsdiziplinieren“.
Damals gab es immer nur Sonntags ein Frühstücksei.(zuviele Eier sind ungesund!)
Ich mochte das sehr, vor allem das reintunken von in Streifen geschnittenen Brotscheiben.
Es ist glaube ich eine meiner frühsten Erinnerungen an Essen und einer meiner letzten gemeinsam mit meinem Vater, da meine Mutter sich irgendwann als ich 9 war scheiden liess.
Meine Mutter wie auch mein Vater machten sich durchaus Belag auf ihr Brot und aßen dazu ihr weichgekochtes Frühstücksei.
Ich hingegen durfte keinen „zusätzlichen“ Belag haben, da ja das Ei sozusagen der Belag war, das wurde mir recht eindrücklich erklärt.
Ich durfte auch lange lange Jahre niemals mehr als eine Scheibe Brot zum Frühstück essen. Scheißegal ob ich mehr Hunger hatte oder nicht.
„Du hast genug“ Auch so ein Satz der mich geprägt hat. Meine Mutter wusste also wann ich genug habe ohne wenn und aber.
Mütter wissen was Töchter im Magen haben. (cooler Satz oder?)
Spannend wurde es im Beisein Anderer, wenn ich, ganz Kind, versuchte meine Chancen zu erweitern und fragte ob ich noch dies oder das haben darf und meine Mutter mit: „Du hast genug“ kam, begann zum Beispiel meine Oma mit: „Lass das Kind doch“, „Du bist zu streng“, „Sie ist doch im Wachstum“.
Wer glaubt das hätte meine Nahrungszufuhr in irgendeiner weise erhöht täuscht sich, ich wurde eher am Arm gepackt und mal kurz auf die Toilette gezogen und dort wurde mir dann erklärt: „Wenn du dich nun nicht schickst, hat das Konsequenzen“.
Zum Beispiel, oh Wunder, ohne Abendbrot ins Bett!

An dieser Stelle sei gesagt ich mache meiner Mutter heute keinen Vorwurf mehr, ich sehe sie selbst als Opfer von Prägungen und was sie tat war wohl eher ein Automatismus als überlegtes Handeln.

Ein weiteres Beispiel dieses Ernährungs Prägungs Schwachsinn war diese Nummer:
Tatsächlich bestand unser Essen oft aus Vorspeise, Hauptgang und Nachspeise.
Natürlich war ich wild auf Nachtisch!
Jedoch gab es den nur und ausschließlich wenn ich meinen Hauptgangteller leer gegessen hatte. Funny isn’t it.
Auch wenn ich schon lange keinen Appetit mehr auf Kartoffeln, Nudeln, Soße, Fleisch hatte wusste ich, dass ich das reinzwängen muss sonst gab es halt auch keinen Pudding, Eis, Götterspeise…
Reden beim Essen?
NO WAY!
Nicht nur, dass man nicht mit vollem Mund spricht, wenn überhaupt sprechen nur Erwachsene am Tisch. Kinder nicht.
Essen wurde mystifiziert für mich, irgendwie, ganz, ganz wichtig und ganz heilig.
Oh heiliges Frühstücksei, wenn ich gerne Leberwurst auf mein Brot haben würde muss ich auf dich verzichten.
Oh traumhafter Nachtisch, ich kann dich nur erreichen über den Umweg den Hauptgang reinzustopfen.
Brot du meine Sehnsucht, eine Scheibe nur, danach müssen wir bis zum Abendessen auf ein Wiedersehen warten.
Ich schweige beim Essen um dich zu ehren, oh Mahlzeit, oder besser damit es nicht kalt wird. Folglich esse ich schneller um auch schneller wieder reden zu können.
Wir bleiben alle am Tisch sitzen (bis auf etwaige selbstbestimmte Erwachsene), bis der Letzte fertig ist mit essen. DAS gehört sich so!
Der Tisch und das Essen werden ab sofort mit in unser Nachtgebet aufgenommen! Ahhhh stop! Ich habe Trinken vergessen!
Da wo das Essen eine Rolle spielt, ist das Trinken meist nicht weit.
Zu meiner Kindergarten und Grundschulzeit gab es tatsächlich noch Milch in der Schule.
Kleine 0,2 /0,3 (glaube ich) Liter Flaschen später Tetrapacks. Milchgeld nahm man für die Woche mit und in der ersten Pause bekam man seine Milch.
Gutes trinken, gute Sache wie ich auch heute noch finde.

Entgegen jeder Ernährungsdiziplin die herrschte, gab es bei mir auch noch reichlich CapriSonne und diese Trinkpäckchen die eine Pyramidenform hatten und co.
Wenig Tee, wenig ungesüßtes oder Wasser.

Was es allerdings nicht gab war trinken VOR dem Mittagessen. „Dann hast du keinen Hunger mehr“ „Ich koch ja schließlich nicht umsonst!“
Erst beim Essen in gefühlt sehr kontrollierten Schlucken war trinken wieder erlaubt, wenn das Glas leer war war es leer und blieb auch so „Du hattest genug“ Murmeltiergrüße
Wann „vor dem Essen“ begann war recht willkürlich.
Manchmal war vor dem Essen eine Stunde vorher, manchmal 5 Minuten.
Mein Körper hat also gelernt, seine „Durstmeldung“ zu unterdrücken. Bestärkt darin wurde er Abends vor dem zu Bett gehen.
Kein trinken vor dem schlafen gehen. „Es gibt jetzt nichts mehr“ „Dann musst du nachher nochmal aufs Klo“.

Aufgeklärt über soviele ernährungswissenschaftliche Dinge wie heute war man natürlich 1970-1980 noch nicht.
Und damals waren wirklich viele Einsichten so denkbar veraltet im Gegensatz zu heute, dass man sich an den Kopf fasst und fragt wo der gesunde Menschenverstand Urlaub machte.
Allerdings waren die Eltern damals auch aus einer Nachkriegs oder besser Imkrieg- Generation.
Sie hatten noch extremes Leid gekannt und/oder in ihrer Jugend dann das deutsche Fett Wirtschaftswunder genossen.
Gute Butter for the win!
Das prägte natürlich auch sie auf eine ganz andere Weise.

Das einzige Mal in meinem Leben in dem ich geklaut habe war eine Packung Schokokugeln aus unserem Tante Emma Laden mit ungefähr 8 oder 9.
Ich wurde natürlich von meiner Mutter erwischt und musste die Packung zurück bringen, sagen das ich sie gestohlen hatte, vom Taschengeld bezahlen und dann warf sie sie weg.

So lebte ich also meine Kindheit und große Teile meiner frühen Jugend mit dem Wissen, dass ich eigentlich zu dick bin, obwohl ich es sicher nicht war. Ja, ich war nicht klapperdürr wie manche andere aus meiner Klasse, aber dick? Nein.
Und dennoch wurde ich von meiner Ma, immer so behandelt als sei ich am Rand des Platzen und man müsse alles tun um mich davon abzuhalten.
Da ich auch noch keinerlei Mitbestimmungsrecht an Kleidung hatte „Solange ich das bezahle“ austauschbar mit: „solange du deine Füße unter meinen Tisch streckst“, da ich also nichts zu sagen hatte in Sachen Fashion
musste ich auch noch mit 12/13 die von meiner Mutter ausgesuchten Kleidungsstücke tragen. Dazu gehörten „Stretchcordhosen OHNE Taschen. Stretch war in meinem Alter MEGAUNCOOL. Ohne Taschen auch, seufz, aber Taschen tragen auf fand meine Ma.
Ich habe mich geschämt. Stylish und In waren Levis, die konnten wir uns nicht leisten, und die machten fett. Cool waren die ersten Pumasportschuhe, die konnten wir uns auch nicht leisten, die haben aber auch ausnahmsweise nicht fett gemacht.
Rollkragenpulis in gedeckten Farben, Flachstrick (wegen auftragen you know..) und wunderbar kratzend waren definitiv NIE in.
Meine Freundinnen hatten Mitleid und so brachte mir eine eine grellbunte Häkelweste jeden Tag mit in die Schule und ich durfte sie dort anziehen.

Nun ja, was soll ich sagen, wer sein Leben lang von Kind bis Teenager mit nichts anderem als der Wichtigkeit des Essens auf Kriegsfuß stand, bricht irgendwann aus diesem Gefängnis aus.
Sprich, ich wurde eine Wildsau.

Ich fing eine Ausbildung als Köchin im Krankenhaus an, zog mit 15 aus in ein Wohnheim für Krankenschwestern und Auszubildenden, war sehr praktisch wegen Frühschichten und vor allem praktisch weil ich endlich frei war.
Och ja, ich hab nachgeholt Und erstaunlicherweise wurde ich nicht fetter oder so. Obwohl der erste MCDonalds aufmachte in meiner Stadt^^ Ich eigenes Geld verdiente und ausgab, rebellierte gegen jede Art von Ge-, und Verboten und zum Punk mutierte.
Dann kam Michael Jackson und Madonna & Punk was dead.

Nichtsdestotrotz (ich habe nachgeschaut man schreibt es so:P ), hätte man mich um eine Selbstbeschreibung gebeten, ich hätte mich immer als dick bezeichnet und übergewichtig. Wenn ich in den Spiegel sah, wusste ich das ich es bin, es gab keinen Zweifel.
16 Jahre Erziehung zum Dick sein haben mir das beigebracht und meine Umwelt reflektierte meine verschrobene Selbstwahrnehmung in dem sie auffing was ich sagte und auch dort eher als “ mollig“ eingestuft wurde und wenn es auch nur war um nicht mit meiner Reaktion auf ein Kompliment konfrontiert zu werden.
Der Weg des geringsten Widerstandes war mir beizupflichten.

Viele Jahre später wurde ich dann wirklich dick und fett, das ist eine ganz andere Geschichte oder Wochenbericht.
Letztendlich bleibt zusagen, dass ich heute nicht nur an Gewicht verliere sondern auch an Prägung der Familie, der Gesellschaft, der Wahrnehmung.
Das, ihr Lieben, ist sehr viel schwerer als Fett loszuwerden.
Und das ist mein Grund einer manchmal sehr verschrobenen Selbstwahrnehmung, die Komplimente nicht nehmen kann und Hässlichkeiten soviel leichter glaubt.
Bis nächste Woche und solange wünsche ich jedem jeden Tag ein Stück Selbstliebe mehr!

 

Eure Anja

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